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Studie zur Heimgeschichte

Historikerin legt Ergebnisse als Buch vor

Das Schicksal einzelner Heimkinder der Gustav Werner Stiftung und der Haus am Berg gGmbH in der Zeit zwischen 1945-1970 hat eine unabhängige Historikerin aufgearbeitet.

Projektleiter Kluza und Historikerin Hähner-Rombach

Ehemalige Heimkinder berichten über ihre Erfahrungen

Die Ergebnisse, die in einem Buch zusammengefasst sind, haben am 9. Oktober 2013 der Vorstand der BruderhausDiakonie und Beteiligte im Pressegespräch in Reutlingen erläutert. Eineinhalb Jahre lang hat Dr. Sylvelyn Hähner-Rombach, Historikerin am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, 45 Interviews ehemaliger Heimkinder, Mitarbeiter und Leitungen ausgewertet, darüber hinaus zahlreiche schriftliche Quellen.

Die Dokumente und Aussagen spiegeln ein sehr breites Spektrum unterschiedlicher Erfahrungen wider. „Sie machen aber auch deutlich“, so Günter Braun, Fachlicher Vorstand der BruderhausDiakonie, „dass Kinder und Jugendliche leider auch in unseren Heimen in den 1950er und 1960er Jahren teilweise sehr leidvolle Erfahrungen machen mussten. Diese Erlebnisse belasten sie oftmals bis zum heutigen Tag.“ Einige leiden nach wie vor psychisch und emotional.

„Die Zeitzeugen“, erklärte die Historikerin in ihrem Vortrag, „haben über Schläge, Demütigungen und harte Feldarbeit berichtet.“ Auch sexueller Missbrauch sei vorgekommen. „Vorstand und Mitarbeiterschaft der BruderhausDiakonie“, betonte Braun im Pressegespräch, „bedauern diese Vorkommnisse und leidvollen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen zutiefst. Wir bitten alle Betroffenen hierfür um Entschuldigung.“

Die Heime waren dicht belegt, zugleich fehlte es an Personal

Historikerin Hähner-Rombach erläuterte, dass die wirtschaftlichen und personellen Rahmenbedingungen als Folge des Krieges und der Mangelwirtschaft der Nachkriegszeit sich negativ auf die Arbeit in den Heimen ausgewirkt haben. Die Heime seien aufgrund großer Nachfrage dicht belegt gewesen, zugleich unterfinanziert. Überall habe Personal gefehlt, Mitarbeiter mit qualifizierter Ausbildung seien selten gewesen.

„Diejenigen, die im Einsatz waren, mussten ständig präsent sein“, eine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben sei nicht möglich gewesen, schilderte sie die Verhältnisse. „Der Wiederaufbau des Landes drängte die Situation in den Heimen an den Rand der gesellschaftlichen Wahrnehmung.“ Die staatlichen Akteure in der Kinder- und Jugendfürsorge – Gesetzgeber, einweisende Behörden sowie Kostenträger – seien ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden. Das zeigte sich unter anderem in nachlässiger Heimkontrolle.

In den Heimen kam es zu körperlicher Gewalt wie in Einzelfällen zu sexuellem Missbrauch. „Die zeitgenössische Tabuisierung von Sexualität und das Fehlen von Vertrauenspersonen erleichterten den Tätern ihr kriminelles Tun, dem die Kinder und Jugendlichen hilflos ausgesetzt waren“, sagte die Historikerin. So seien auch Vorstände und Aufsichtsräte in einigen Fällen ihren Aufsichts- und Fürsorgepflichten nicht ausreichend nachgekommen. Sylvelyn Hähner-Rombach schloss damit, dass ihre Studie nur punktuell Licht auf damalige Verhältnisse und Erfahrungen werfen könne. Fakt sei jedoch, dass es Parallelen zu den Problemfeldern und Verhältnissen gebe, die auch beim Runden Tisch Heimerziehung, der bundesweiten Aufklärungsstelle, festgestellt worden seien.

Für die Studie selbst wurde eine Auswahl der damaligen rund 25 Standorte getroffen. „Wir wollten in die Tiefe gehen“, erklärte Projektleiter Rainer Kluza. Im Fokus der Untersuchung standen insbesondere Einrichtungen über die die BruderhausDiakonie Beschwerden vorliegen hatte: das Alte Kinderhaus in der Stadtmitte Reutlingen, das Oberlinheim und die Oberlinschule in Reutlingen, das Kinderheim Loßburg-Rodt, das Landheim Buttenhausen.

Für Beschwerden gibt es einen zentralen Ansprechpartner

Mit Beginn der Studie gab es bei der BruderhausDiakonie zur Bearbeitung von Anfragen und Beschwerden ehemaliger Heimkinder einen zentralen Ansprechpartner. Im Zeitraum November 2008 bis September 2013 gingen insgesamt 24 individuelle Anfragen ein, sieben davon waren ausdrückliche Beschwerden. „Den meisten Heimkindern“, so Kluza, „war zunächst einmal wichtig, dass ihnen unvoreingenommen zugehört wurde, ihre Erfahrungen Raum erhielten und dokumentiert wurden.“ Einige ehemalige Heimkinder meldeten sich aber auch, die ausdrücklich Positives über ihren Heimaufenthalt sagen wollten.

Mit den Betroffenen fanden teilweise gemeinsame Besuche in den jeweiligen Heimen statt. Für darüber hinausgehende Hilfen erfolgte – wenn gewünscht – die Unterstützung bei der Kontaktaufnahme zu den auf Länderebene eingerichteten Anlauf- und Beratungsstellen für ehemalige Heimkinder. Die dortigen Ansprechpartner unterstützen, wenn eine finanzielle Entschädigung aus dem bundesweiten Hilfsfonds für ehemalige Heimkinder – ausgestattet mit rund 120 Millionen Euro – gewünscht wird. In den Fonds hat auch die BruderhausDiakonie eingezahlt, „rund 73 000 Euro, verteilt über drei Jahre“, erläuterte Rainer Single, Kaufmännischer Vorstand.

Lothar Bauer, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, warf abschließend einen Blick auf die Jugendhilfe heute. Er sei froh, sagte er, dass Kinder in der Jugendhilfe heute ein Recht auf Beteiligung und Beschwerde haben. Für die Betreuten gebe es feste Ansprechpartner, an die sie sich wenden können. Ein zentrales Instrument der Teilhabe von Kindern und Jugendlichen sei auch, dass sie an den halbjährlich stattfindenden Gesprächen mit Vertretern des Jugendamtes beteiligt seien, um ihre Interessen in allen Bereichen – Konflikte, persönliche Entwicklung, Schule, Beruf – vertreten zu können. Auch in ihrem privaten Umfeld, den Wohngruppen, sprechen sie selbstverständlich mit. Mitarbeiter der BruderhausDiakonie seien geschult, auch mit schwer traumatisierten Kindern umzugehen. Erlebnispädagogische Angebote sorgen unter anderem dafür, dass Kinder und Jugendliche sich wertgeschätzt fühlten, um daraus Stärke und Selbstbewusstsein zu schöpfen.

Darüber hinaus hat die BruderhausDiakonie für alle Mitarbeiter das sogenannte „Rahmenkonzept Gewaltprävention“ eingeführt. Der Leitfaden gibt Orientierung, wie sich Mitarbeiter in herausfordernden Situationen verhalten und an wen sie sich wenden können.


Buch

Sylvelyn Hähner-Rombach
„Das ist jetzt das erste Mal, dass ich darüber rede …“
Ergebnisse der Studie zur Heimgeschichte der Gustav Werner Stiftung zum Bruderhaus und der Haus am Berg gGmbH zwischen 1945 und 1970. Mabuse-Verlag 2013.

 

Foto: BruderhausDiakonie

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